Ratgeber · Grundlagen & Formel
Eigenkapital-Rendite mit Fremdfinanzierung: Wie der Leverage-Effekt wirkt
Wer eine Wohnung mit 20 oder 30 Prozent Eigenkapital kauft, kann seine Rendite auf das eingesetzte Geld deutlich über die reine Objektrendite hieven. Dieser Hebel-Effekt heißt im Finanzjargon Leverage. Dieser Ratgeber zeigt, wie er rechnerisch entsteht, wo seine Grenzen liegen und warum er bei steigenden Zinsen kippen kann.
Wer eine Eigentumswohnung als Kapitalanlage kauft, finanziert in den seltensten Fällen mit hundert Prozent eigenem Geld. Üblich ist eine Mischung aus 20 bis 40 Prozent Eigenkapital und 60 bis 80 Prozent Bankdarlehen. Diese Konstruktion macht aus der Objekt-Rendite (etwa 3 Prozent Netto auf den gesamten Kaufpreis) eine deutlich höhere Eigenkapital-Rendite (etwa 6 bis 10 Prozent auf den eingesetzten Eigenkapital-Anteil), solange einige Bedingungen erfüllt sind. Dieser Hebel-Effekt heißt im Finanzjargon Leverage und ist das zentrale Argument für den fremdfinanzierten Immobilien-Kauf gegenüber dem Aktien-ETF.
Wie der Leverage-Effekt rechnerisch entsteht
Stellen wir uns eine Wohnung in Bremen vor, Kaufpreis 220.000 Euro plus 11 Prozent Kaufnebenkosten (Grunderwerbsteuer 5 Prozent, Notar 1,5 Prozent, Makler 3,57 Prozent, Grundbuch 0,5 Prozent), also 244.200 Euro Gesamtinvestition. Die Wohnung bringt 900 Euro Kaltmiete pro Monat, nach Bewirtschaftungskosten bleibt eine Netto-Jahresmiete von 7.800 Euro. Die Objekt-Netto-Rendite liegt damit bei 7.800 / 244.200 = 3,19 Prozent.
Variante A: Vollfinanzierung aus Eigenkapital. Der Investor zahlt die kompletten 244.200 Euro aus eigener Tasche. Die Eigenkapital-Rendite ist identisch mit der Objekt-Rendite: 3,19 Prozent.
Variante B: 30 Prozent Eigenkapital, 70 Prozent Bankdarlehen. Der Investor zahlt 73.260 Euro Eigenkapital plus die Kaufnebenkosten aus eigenen Mitteln (also etwa 24.200 Euro), in Summe 97.460 Euro Eigenkapital, und finanziert die restlichen 154.000 Euro über die Bank. Bei einem Bauzins von 3,5 Prozent und einer Tilgung von 2,5 Prozent ergibt das eine Annuität von 9.240 Euro pro Jahr, davon im ersten Jahr 5.390 Euro Zins und 3.850 Euro Tilgung.
Cashflow nach Zins: 7.800 − 5.390 = 2.410 Euro. Dazu kommt die Tilgung als Vermögensaufbau: 3.850 Euro. Gesamtrückfluss auf das eingesetzte Eigenkapital: 6.260 Euro auf 97.460 Euro = 6,42 Prozent Eigenkapital-Rendite, also doppelt so viel wie die Objekt-Rendite.
Warum der Hebel auch in die andere Richtung wirkt
Der Leverage-Effekt funktioniert wie eine Vergrößerungs-Linse: Er macht alles größer, auch die Verluste. Wenn die Objekt-Netto-Rendite unter den Bauzins sinkt, kehrt sich der Effekt um, und die Eigenkapital-Rendite wird negativ.
Stellen wir uns vor, die Sollzinsbindung der Bremen-Wohnung läuft 2034 aus, und der Anschlusszins liegt bei 5,2 Prozent (zum Beispiel weil die EZB-Zinsen wieder gestiegen sind). Bei der Restschuld von etwa 120.000 Euro ergibt das jetzt 6.240 Euro Zinszahlung pro Jahr, kombiniert mit 3 Prozent Tilgung (3.600 Euro), also 9.840 Euro Annuität. Der Cashflow nach Zins beträgt nur noch 7.800 − 6.240 = 1.560 Euro, plus Tilgung 3.600 Euro, ergibt 5.160 Euro Gesamtrückfluss. Auf das eingesetzte Eigenkapital von ursprünglich 97.460 Euro plus die zwischenzeitlich gezahlten Tilgungen (10 × 3.850 = 38.500 Euro) sind das 5.160 / 135.960 = 3,79 Prozent. Die Eigenkapital-Rendite ist auf das Niveau der Objekt-Rendite zurückgefallen, weil der Spread zwischen Zins und Rendite weg ist.
Bei noch höheren Zinsen wird es kritisch. Wenn der Anschlusszins auf 6,5 Prozent klettert, übersteigt die Annuität die Mieteinnahmen, der Cashflow wird negativ, und der Investor muss aus eigener Tasche zuschießen. Das ist das Szenario, das Anfang der 1990er Jahre viele Immobilien-Käufer aus der Steuersparphase der 80er Jahre traf.
Tilgung als versteckter Renditebeitrag
In der laufenden Wahrnehmung wirkt eine Tilgung wie eine Belastung: Es geht Geld vom Konto. Mathematisch ist sie aber Vermögensaufbau, weil sie die Restschuld reduziert und damit das Eigenkapital im Objekt erhöht. In der Eigenkapital-Rendite-Rechnung gehört die Tilgung deshalb auf die Plus-Seite.
Im Bremen-Beispiel: 3.850 Euro Tilgung im ersten Jahr. Auf 97.460 Euro Eigenkapital sind das allein 3,95 Prozent Tilgungs-Beitrag zur Eigenkapital-Rendite, ohne Cashflow und ohne Wertsteigerung. Über die Lebenszeit der Finanzierung steigt der Tilgungs-Anteil weiter (weil der Zinsanteil sinkt), und die Eigenkapital-Rendite wächst tendenziell mit, solange die Mieteinnahmen stabil bleiben.
Was bei der Praxis zu beachten ist
Bei der konkreten Finanzierung gibt es einige Punkte, die in der reinen Rechnung gerne untergehen. Erstens unterscheiden die Banken zwischen vermieteter und selbst genutzter Immobilie und verlangen bei Vermietung in der Regel höhere Zinsen (Aufschlag 0,1 bis 0,4 Prozentpunkte). Zweitens ist die Sollzinsbindung wichtig: 10, 15 oder 20 Jahre. Längere Bindung bedeutet höhere Zinsen (in der Zinsstruktur-Kurve), aber mehr Planungssicherheit. Drittens lohnt der Vergleich verschiedener Anbieter, weil die Spannen zwischen den günstigsten und teuersten Banken bei gleichem Risiko-Profil oft 0,3 Prozentpunkte ausmachen.
Eine Sondertilgungs-Option (üblicherweise 5 oder 10 Prozent der Darlehensumme pro Jahr) ist in den meisten Fällen sinnvoll und kostet wenig bis nichts. Sie gibt dir Flexibilität, etwa bei einem unerwarteten Geldzufluss schneller zu tilgen. Eine zu hohe Tilgung von Anfang an kann allerdings den Cashflow sprengen, sodass die laufende Bewirtschaftung schwierig wird.
Worauf es ankommt
Der Leverage-Effekt ist das stärkste Argument für die fremdfinanzierte Wohnimmobilie als Kapitalanlage. Er hebt die Rendite auf das eingesetzte Eigenkapital deutlich, solange die Objekt-Netto-Rendite über dem Bauzins liegt. Bei aktuellen Marktwerten (3 bis 4 Prozent Objekt-Netto-Rendite gegen 3,5 bis 4 Prozent Bauzins, Stand 2026) ist der Spread schmal, manchmal sogar negativ. Wer kauft, sollte deshalb mit einer langen Sollzinsbindung absichern und genug Reserve für eine potenziell ungünstigere Anschlussfinanzierung haben. Tilgung gehört zur Rendite, nicht zur Belastung.
FAQ
Häufige Fragen
Wann lohnt sich Fremdfinanzierung für eine Vermietungs-Immobilie?
Mathematisch dann, wenn die Objekt-Netto-Rendite über dem effektiven Bauzins liegt. Bei einer Netto-Rendite von 3,5 Prozent und einem Bauzins von 3,2 Prozent ist der Spread positiv (0,3 Prozentpunkte), die Eigenkapital-Rendite wird durch Leverage gehoben. Bei einem Spread um null oder darunter funktioniert die Wette nur über Wertsteigerung und Tilgungs-Gewinn, der laufende Cashflow trägt nicht.
Welcher Eigenkapital-Anteil ist sinnvoll?
Banken verlangen üblicherweise mindestens 20 Prozent Eigenkapital plus die Deckung aller Kaufnebenkosten aus eigenen Mitteln, faktisch also 25 bis 35 Prozent des Kaufpreises. Bei 100-Prozent- oder 110-Prozent-Finanzierung verlangen Banken Zinsaufschläge oder Sicherheiten. Aus Risikosicht ist mehr Eigenkapital konservativer, aus Hebel-Sicht weniger Eigenkapital renditestärker. Ein sinnvoller Korridor liegt zwischen 20 und 40 Prozent Eigenkapital.
Was passiert mit der Eigenkapital-Rendite, wenn die Zinsen steigen?
Bei Anschlussfinanzierung nach Ablauf der Sollzinsbindung kann die Eigenkapital-Rendite drastisch sinken, wenn die Marktzinsen über die Objekt-Netto-Rendite gestiegen sind. Wer 2019 mit 1,2 Prozent Zinsen gekauft hat und 2029 zu 4,5 Prozent verlängern muss, sieht eine Rendite-Erosion. Aus diesem Grund ist eine längere Sollzinsbindung (15 oder 20 Jahre) in Niedrigzins-Phasen häufig sinnvoll.
Wie berechne ich meine Eigenkapital-Rendite konkret?
Eigenkapital-Rendite = (Cashflow nach Annuität + Tilgungs-Anteil) geteilt durch eingesetztes Eigenkapital. Der Cashflow nach Annuität sind Mieteinnahmen minus Bewirtschaftungskosten minus Zinsen. Der Tilgungs-Anteil ist Vermögensaufbau und gehört zur Rendite. Bei 50.000 Euro Eigenkapital, 1.500 Euro Tilgung pro Jahr und 500 Euro Cashflow nach Annuität ergibt das 2.000 / 50.000 = 4 Prozent Eigenkapital-Rendite, ohne Wertsteigerung.
Lohnt sich eine Tilgungs-Aussetzung mit hoher Zinsbindung?
Tilgungs-Aussetzung (also nur Zinszahlung ohne Tilgung) kombiniert mit gleichzeitigem Aktien-Sparplan war in Niedrigzinszeiten ein beliebtes Modell. Bei aktuellen Bauzinsen von 3,5 bis 4 Prozent und langfristigen Aktien-Renditen von etwa 7 Prozent ist die Strategie noch rechnerisch attraktiv, aber riskant: Bei einem Aktien-Crash steht die Tilgungs-Lücke. Konservative Anleger tilgen lieber direkt und nutzen die Steuerwirkung der abnehmenden Zinsen.
Quellen